„Die Anzahl der Geldspielautomaten ist für den Spielerschutz von sekundärer Bedeutung“

Glücksspielsucht-Expertin Prof. Dr. Suzanne Lischer im Interview

Prof. Dr. Suzanne Lischer von der Hochschule Luzern beschäftigt sich mit Suchtforschung sowie der Entwicklung und Evaluationen von Spielerschutzmaßnahmen in Schweizer Spielbanken und im Online-Glücksspielbereich. Mit uns sprach sie über die Effekte, die eine Regulierung der Angebotsmenge auf glücksspielbezogene Probleme hat und wie ein möglichst risikoarmes Glücksspielangebot aussehen kann.

Frau Lischer, in seinem Beitrag für diese Zeitschrift geht Prof. Tilman Becker davon aus, dass die Adaptionsthese sehr wahrscheinlich den Zusammenhang zwischen der Angebotsmenge von Glücksspielen und dem Problemausmaß in der Bevölkerung korrekt beschreibt. Können Sie dies aus der empirischen Beobachtung der Entwicklung in der Schweiz bestätigen?

Das Glücksspielangebot, und entsprechend die Konsummenge, in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren um ein Vielfaches erhöht. Die im Rahmen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung durchgeführten Prävalenzstudien aus den Jahren 2012, 2007 und 2002 zeigen weitgehend stabile Größenordnungen. Von den 18.357 befragten Personen haben rund 70 Prozent der Befragten angegeben, schon mindestens einmal in ihrem Leben Glücksspiele gespielt zu haben (Lebenszeitprävalenz). Bei der Problembelastung durch Glücksspiel weisen die Ergebnisse für das Jahr 2012 gegenüber dem Jahr 2007 eine leicht rückläufige Tendenz auf. Der Anteil von Personen mit vermutlich problematischem Spielverhalten sank von 1,5 Prozent im Jahr 2007 auf 0,7 Prozent im Jahr 2012. Der Anteil von Personen, die vermutlich ein pathologisches Glücksspiel betreiben, sank auf 0,4 Prozent (2012), was einem leichten Rückgang im Vergleich zum Jahr 2007 entspricht (0,5 Prozent). Für das pathologische und problematische Glücksspiel konnte insgesamt ein tendenzieller Rückgang von geschätzten zwei Prozent in 2007 auf 1,1 Prozent in 2012 festgestellt werden (alle Angaben zu Spielverhalten sind Lebenszeitprävalenz-Zahlen: ESBK, 2014).

Ein Vergleich mit den Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) über die Jahre 2007 bis 2013 zeigt, dass die Prävalenz pathologischen Glücksspiels in Deutschland zwar zunächst mit einem vergrößerten Angebot kurzzeitig ansteigt, seit dem Höhepunkt im Jahr 2011 aber zurückgeht – und das bei weiterhin steigenden Glücksspielumsätzen.
Die Entwicklung der Prävalenzraten in der Schweiz und in Deutschland verlief ähnlich wie in Nordamerika und Australien, wo das erweiterte Angebot an Glücksspielen in den 1980/90er-Jahren zu einem Anstieg der Glücksspielprävalenz führte, bis diese Ende der 1990er-Jahre bzw. Anfang der 2000er-Jahre ihren Höhepunkt erreichte und danach wieder sank (William, Volberg & Stevens, 2012).

Dieses Interview erschien in voller Länger in der Fachzeitschrift „Beiträge zum Glücksspielwesen“  Ausgabe 1/2016. Diese kann hier im Jahresabo oder einzeln bestellt werden.