Der Glücksspielmarkt in Deutschland

Prof. Dr. Dr. h.c. Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes, stellte gestern auf dem 2. Bundeskongress zum Glücksspielwesen in Berlin erstmalig die Ergebnisse einer aktuellen gesamtwirtschaftliche Analyse des Glücksspielmarktes in Deutschland vor. Der Glücksspielmarkt, so Rürup, werde in seiner volkswirtschaftlichen Bedeutung bislang unterschätzt.

Der Glücksspielmarkt in Deutschland erwirtschaftet Bruttospielerträge von 13 Milliarden Euro. Er ist dabei in einen regulierten einen nicht-regulierten (grauen) und einen schwarzen Markt. Der regulierte Markt, in dem Anbieter mit einer deutschen Glückspielkonzession agieren, ist mit Bruttospielerträgen von 10,4 Milliarden Euro das größte Segment. Der nicht-regulierte Markt – auf dem Anbieter mit einer Glücksspielkonzession aus einem anderen EU-Staat in Deutschland operieren – folgt mit jährlichen Bruttospielerträgen von 2,3 Milliarden Euro. Hinzu kommt ein illegaler Schwarzmarkt – Glücksspielanbieter ohne eine Lizenz -, der zusätzliche 1,5 Milliarden Euro Bruttospielerträge generiert. Das Wachstum des nicht-regulierten Glücksspielmarktes liegt dabei deutlich über dem des regulierten Markts. Von 2014 auf 2015 stieg der Gesamtmarkt um acht Prozent. Dieses Wachstum ist vor allem auf die Ausdehnung des nicht-regulierten Marktes zurückzuführen, der um über 30 Prozent pro Jahr zunahm. Der nicht-regulierte Markt wird dabei stark von Online-Anbietern dominiert.
In der deutschen Glücksspielbranche sind etwa 190.000 Personen direkt oder indirekt beschäftigt. Die Glücksspielbranche ist den Autoren der Studie zufolge damit von großer Bedeutung für den deutschen Arbeitsmarkt. Glücksspiel sei auch kein gesellschaftliches Randphänomen. Laut Studie haben 75 Prozent der Deutschen schon einmal an einem kommerziellen Glücksspiel teilgenommen.

Staatsversagen in der Glücksspielregulierung

Die Staatliche Regulierung im Glücksspielmarkt sei nicht gelungen, konstatierte der Ökonom. Entscheidungen über Anpassungen oder Neuerungen bei der Glücksspielregulierung könne man umso besser treffen, je valider die wissenschaftliche Basis hierfür sei. „Unserer Studie soll deshalb Input und Anstoß sein, um die politische und öffentliche Diskussion über die Zukunft dieser Branche auf eine belastbare empirische Basis zu stellen“, so Rürup.
Laut Rürup sei der aktuelle Ansatz, den Glückspielmarkt über Abstandregelungen und die Begrenzung der Spielgeräte regulieren zu wollen, falsch, denn hier trete dann der Kobra-Effekt auf. Die Bezeichnung geht auf ein überliefertes historisches Ereignis in Britisch-Indien zurück: Ein britischer Gouverneur wollte einer Kobraplage Einhalt gebieten, indem er ein Kopfgeld auf jedes erlegte Exemplar aussetzte. Scheinbar funktionierte das Konzept zunächst gut: Immer mehr tote Schlangen wurden abgeliefert. Jedoch wurde deren Anzahl nicht gemindert, da die Bevölkerung anfing, Kobras zu züchten und zu töten, um weiterhin die Prämie zu erhalten. Als das Kopfgeld wieder aufgehoben wurde, ließen die Züchter die Tiere frei, da sie keine Verwendung mehr für sie hatten – dadurch hatte sich dank (indirekter) staatlicher Förderung die Zahl der Kobras vervielfacht. Der Kobra-Effekt ist damit ein Beispiel für eine unbeabsichtigte Fehlsteuerung aufgrund von Ausweichverhalten und einer der von Joseph Stiglitz angeführten Typen von Staatsversagen. Laut Rürup führe auch die Abstandsregelungen und die Reduzierung der Spielgeräte nicht dazu, dass weniger gespielt werde, da es genügend Ausweichmöglichkeiten gebe.
Der nicht-regulierte und der geduldete Glücksspielmarkt müssten endlich reguliert werden. Dieser Bereich sei zwar nicht so groß wie der regulierte Markt, er weise aber die größten Wachstumstendenzen auf. Bislang, so Rürup, führe die staatliche Regulierung dazu, dass Spieler in den Schwarzmarkt ausweichen und legale Betreiber schlechter als illegale Betreiber gestellt werden. Als Beispiel nannte der Volkswirt hier die hohe Besteuerung und die Werberestriktionen im Glücksspielbereich, von denen illegale Anbieter ausgenommen seien. „Die Politik muss hier Anreize setzen, damit er regulierte Bereich attraktiver ist, als der illegale“, forderte Rürup. Man könne den regulierten Bereich nicht dadurch schützen, dass man hohe Auflagen mache. Beispielhaft nannte er hier die Werberestriktionen. Werbung, so Rürup sollte exklusiv nur für den regulierten Bereich erlaubt sein. „Mit mehr Werbung ist der legale Anbieter und das legale Spiel mehr im Bewusstsein der Menschen, mit der Folge, dass mehr Menschen legale Anbieter für das Glücksspiel nutzten als illegale.“

Die komplette Studie können Sie hier lesen.


Prof. Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes, stelle auf dem Bundeskongress zum Glücksspielwesen erstmalig die Ergebnisse der Studie „Der Glücksspielmarkt in Deutschland“ vor. Foto: BzGw/Giessen