Die Digitalisierung des Glücksspiels

Auswirkungen und Handlungsbedarf

(Dr. Sven Jung, Dr. Jan Kleibrink, Prof. Dr. Bernhard Köster*) Digitalisierung ist das Megathema unserer Zeit. Viele Auswirkungen der digitalen Transformation sind bereits heute sichtbar, selbst wenn sich dieser Transformationsprozess teilweise noch im Anfangsstadium befindet. Branchen und ganze Wirtschaftszweige verändern sich durch Effizienzsteigerungen der Prozesse oder durch die Einführung neuer Produkte und Geschäftsmodelle; neue Wettbewerber übernehmen weite Teile bestehender Märkte und ordnen diese neu; etablierte Unternehmen werden marginalisiert oder verschwinden vom Markt während andere mit atemberaubender Geschwindigkeit eine dominante Stellung erreichen. Mit welcher Geschwindigkeit solche Prozesse vonstattengehen, haben etwa der Einzelhandel, der Reisesektor sowie die Musik- und Filmbranche in den vergangenen Jahren erfahren. Auch im Glücksspiel lässt sich diese Entwicklung bereits seit Jahren erkennen.

Die Digitalisierung von Vertrieb und Veranstaltung

Im Bereich des Glücksspiels lassen sich die Auswirkungen der digitalen Transformation für die Spieler auf zwei Faktoren unterscheiden: Die Digitalisierung des Vertriebs und die Digitalisierung der Veranstaltung. Der Prozess einer Digitalisierung des Vertriebs ist bereits weit fortgeschritten: Alle Spielformen, ob Lotterien, Wetten oder Casino-Spiele lassen sich heute online spielen. Mit Ausnahme der möglichen Erweiterung um neue Features, ändert sich das Spiel nicht im Vergleich zum terrestrischen Glücksspiel. Spielern gibt der Online-Vertrieb die Möglichkeit immer und überall zu spielen und ihnen steht ein breiteres Angebot an Spielmöglichkeiten zur Verfügung. In anderen Bereichen, etwa dem Handel oder Banking sind diese Möglichkeiten bereits weit verbreitet und die Menschen übertragen diese Anforderungen zunehmend auf die Glücksspielbranche. Die Nachfrage nach Online-Angeboten steigt seit Jahren kontinuierlich und wird sich in den kommenden Jahren weiter vergrößern.

Die Digitalisierung der Veranstaltungen ist weit weniger fortgeschritten: Zwar lassen sich vor allem im Wettbereich Ansätze finden, etwa das Wetten auf digitale Rennen, deren Ausgang von Algorithmen bestimmt wird, hier handelt es sich aber bisher nur um eine Nische.

Die Digitalisierung von Unternehmensabläufen

Neben der Kundensicht ist die Branche auch in den internen Abläufen betroffen: Die Auswertungen von Big Data ermöglichen eine verstärkte Individualisierung von Angeboten, interne Kommunikationsprozesse sowie die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen verändern sich. Dies stellt Mitarbeiter vor neue Herausforderungen, grundlegende IT-Kenntnisse und Flexibilität gewinnen an Bedeutung.

Anbietern wird die Möglichkeit geboten, ihre Angebotspalette auszuweiten, Prozesse zu vereinfachen und stärker auf Kundenbedürfnisse einzugehen.

Veränderungen der Marktstruktur

Gleichzeitig erwachsen neue Herausforderungen: Die Entwicklung anderer Branchen hat bereits gezeigt, dass die Digitalisierung den Markteintritt neuer Anbieter begünstigt, die mit neuen Produkten und Geschäftsmodellen ganze Branchen grundlegend verändern können. Der nicht-physische Charakter digital vertriebener Glücksspiele begünstigt eine solche Entwicklung. Gleiches gilt für eine Plattformisierung der Branche: Bei diesem Prozess setzen Unternehmen lange Zeit vor allem auf Wachstum. Die schiere Größe macht eine Plattform attraktiver und bedingt weiteres Wachstum bis sich nach dem „Winner-takes-it-all“-Prinzip (Quasi-)Monopolisten herausbilden. Diese Entwicklung kann sich aus der Branche selbst ergeben, sie kann aber auch durch einen Markteintritt von außen geschehen. Plattform-Anbieter, die bereits andere Märkte beherrschen, können ihre breite Kundenbasis nutzen, um auch in benachbarten Branchen die Kundenschnittstelle zu besetzen.

Zudem gibt es neue Wertschöpfungsketten, in denen ITK-Anbieter eine zentrale Rolle einnehmen. Viele Online-Angebote von Glücksspiel-Anbietern werden von externen ITK-Anbietern entwickelt. Dies betrifft die Programmierung von Online-Spielen, Plattformen und Websites genauso wie die Bereitstellung der Infrastruktur wie Server und Datennetze. Ebenfalls von Bedeutung sind verwandte Services, etwa in den Bereichen Cybersecurity und der Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Somit ergeben sich auch neue Möglichkeiten für ITK-Unternehmen, in den Glücksspielmarkt vorzudringen. Gleichzeitig stellt dies neue Herausforderungen an die Regulierung, da ITK-Unternehmen maßgeblich für den Spielausgang und die Sicherheit von Daten und Zahlungsströmen sind. Daher sollten ihre B2B-Services bei der Regulierung des Online-Spiels berücksichtigt werden.

*Dieser Beitrag enthält Auszüge aus der Studie Jung, S., Kleibrink, J., Köster, B. (2017): Die Digitalisierung des Glücksspielmarktes. Studie im Auftrag von Westlotto und Löwen Entertainment GmbH. Düsseldorf, November 2017.

Dr. Sven Jung ist Senior Economist beim Handelsblatt Research Institute. Er beschäftigt sich in seiner Forschung insbesondere mit der digitalen Transformation, ihren gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen sowie den Veränderungen in einzelnen Branchen.

Dr. Jan Kleibrink ist als Senior Economist beim Handelsblatt Research Institute tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der ökonomischen Analyse von Marktveränderungen, insbesondere vor dem Hintergrund der digitalen Transformation.

Prof. Dr. Bernhard Köster ist Professor für Volkswirtschaftslehre und quantitative Methoden an der Frankfurt University of Applied Sciences. Seine Schwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Geldpolitik und internationale Finanzmärkte sowie den ökonomischen Auswirkungen des demografischen Wandels.

Dieser Beitrag erschien in voller Länge in der Fachzeitschrift „Beiträge zum Glücksspielwesen“  Ausgabe 4/2017. Diese kann hier im Jahresabo oder einzeln bestellt werden.