Mehrdeutigkeiten und (Fehl)Interpretationen bei der Erhebung problematischen Glücksspielens mit dem PGSI-Fragebogen in einer schwedischen Längsschnitt¬studie zum Glücksspielen (Swelogs)

Samuelsson, E., Wennberg, P. & Sundqvist, K. (2019)

Im epidemiologischen Feld der Glücksspielforschung werden seit den 1990ern Fragebögen eingesetzt, um zu erfahren, wie viele Personen in einer Bevölkerung am Glücksspielen teilnehmen, an welchen Formen des Glücksspielens und wie viele dabei problematisches Verhalten zeigen. Die am häufigsten in der Forschung genutzten Fragebögen sind der South Oaks Gamble Screen (SOGS, insgesamt 20 Fragen, wird z. B. von der BZgA genutzt), das Erfragen der Kriterien einer Störung durch Glücksspielen nach DSM-IV oder -5 (u. a. durch den Screening-Fragebogen von Stinchfeld) und der Problem Gambling Severity Index (PGSI, wird u. a. häufig in angloamerikanischen Län­dern eingesetzt). Der PGSI besteht aus neun Fragen, die vom Befragten mit „niemals“ (null Punkte) bis „fast immer“ (drei Punkte) bewertet werden. Vier Fragen beziehen sich auf problematisches Glücksspiel­verhalten, die restlichen fünf erfragen negative Konsequenzen des Glücksspielens. Beim Erreichen von drei bis sieben Punkten wird das Glücksspielverhalten als moderat risikobehaftet angesehen, ab acht Punkten als problematisches Glücksspielen.

Die schwedische Längsschnittstudie zum Glücksspielen Swelogs startete ihre erste Befragung 2008, darauf folgten noch drei weitere Befragungswellen bis 2014. 2016 wurden jene Studienteilnehmer/­innen erneut kontaktiert, deren PGSI-Punktwert sich zwischen ver­schiedenen Messungen um mindestens drei Punkte verändert hatte (und somit ihr Glücksspielverhalten mindestens einmal während der Studienteilnahme als risikobehaftet eingeschätzt wurde). Acht Jahren nach Beginn der Studie wurde mit 40 dieser Studienteilnehmer/-innen ein halbstandardisiertes Telefoninterview durchgeführt. Zur Überra­schung der Autoren konnten sich 19 Personen nicht daran erinnern, je negative Konsequenzen durch Glücksspiel erfahren und somit auch nie einen PGSI-Score von drei Punkten oder mehr erfüllt zu haben. Aufgrund dieser Beobachtung entschieden die Autoren, mit diesen Personen ein qualitatives Tiefeninterview zum Glücksspielverhalten der letzten acht Jahre durchzuführen, um herauszufinden, woraus sich die Fehlklassifikation ergab. Die restlichen 21 Personen gaben keine Fehlklassifikationen an. Im Vergleich zu der Gruppe der 19 Personen waren ihre PGSI-Punktwerte signifikant höher. Die Autoren schlossen daraus, dass Personen mit höheren Werten eine konsistentere Wahr­nehmung ihres problematischen Glücksspielverhalten hatten und so die Fragen besser einordnen konnten. Die stärksten Fehlklassifikati­onen traten auch nicht häufiger in den ersten Erhebungswellen auf, somit kann eher ausgeschlossen werden, dass sich die Personen nur nicht mehr richtig an ihre früheren Aussagen erinnern.

Es zeigte sich für Frage sieben des PGSI, „Sind sie schon einmal für Ihr Glücksspielen kritisiert worden oder hat Ihnen jemand mitge­teilt, dass sie ein Glücksspielproblem haben?“, dass mehre Personen affirmativ geantwortet hatten, da Freunde oder Ehemann sie scherz­haft dafür kritisiert hatten, ein Lotto-Ticket gekauft zu haben. Hier wurde das Antwortverhalten durch eine sehr milde Interpretation der Versuchspersonen von „Kritik“ verzerrt. Frage neun ist eine weitere Frage, die sehr häufig missinterpretiert wurde: „Haben Sie sich für die Art, wie Sie, oder was passiert, wenn Sie Glücksspielen betreiben, bereits schuldig gefühlt?“. Hier hatten mehrere Personen „Schuld“ sehr mild interpretiert, weil sie Glücksspielen eigentlich als unmoralische Aktivität ansehen oder bedauerten, kleine Geldbeträge verschwendet zu haben. Die Frage zielt eher auf Schuld, die Perso­nen mit Glücksspielproblemen verspüren, wenn sie große Beträge verspielen, die ihre Existenz beeinflussen.

Weitere Fehlinterpretationen traten bei Frage eins (Kontrollverlust), Frage zwei (Steigern der Einsätze), Frage drei (Chasing) und Frage vier (Borgen von Geld) auf. Entweder wurde nur ein Teil der Frage beantwortet oder die Fragen sehr mild interpretiert. Nicht fehlinter­pretiert wurden die Fragen nach (fünf) der Selbstwahrnehmung eines Glücksspielproblems, (sechs) negativen gesundheitlichen Folgen und (acht) finanziellen Problemen für den eigenen Haushalt.

Die Autoren weisen in ihrer Diskussion der Ergebnisse darauf hin, dass vor allem „Schuld“, „Kritik“ und „Kontrollverlust“ auch immer ein Spiegel der kulturellen Normen der Gesellschaf zum Glücks­spielen sind und dadurch auch bei kleinen Verlusten, oder wenn überhaupt an Glücksspielen teilgenommen wird, bejaht werden. Dies ist ein Beispiel für ein generelles Problem aller Selbstauskünfte (Interview oder Fragebögen), da die Befragten sie immer in ihrem eigenen Kontext beantworten und dadurch evtl. fehlinterpretieren, soziale Erwünschtheit Ergebnisse verzerren kann oder es Probleme bei der Erinnerung gibt. Dies trifft auch auf diese Befragung zu, da sich die Befragten an ihr Glücksspielverhalten der letzten acht Jahre erinnern mussten und man sich häufiger eher an gute als an schlechte Ereignisse erinnert, wobei diesem Umstand durch die ausführliche Interviewstruktur mit möglichen Nachfragen entgegentreten wurde.

Die Autoren schließen, dass vor allem Prävalenzzahlen im mode­raten Risikobereich (drei bis sieben) vorsichtig interpretiert werden sollten, da sie überschätzt sein könnten. Trotz aller aufgeführten Fehler von Fragebögen sind sie für die Erhebung im Feld die besten diagnostischen Verfahren und erlauben es, relevante Erkenntnisse in eine Problematik zu gewinnen, die auf anderem Wege nicht zu erreichen sind.

Nordic Studies on Alcohol and Drugs, 36(2), 140-160.